Filzkunst für Menschen mit Behinderung

Wolle in Filz verwandeln –  Ein Erfahrungsbericht aus dem Projekt „Kulturelle Bildung Inklusiv“

Die „Offene Behindertenarbeit“ (OBA) der Lebenshilfe Bamberg organisiert Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung, z.B. Kultur- und Sportangebote. Die Autorin Anne Jansen berichtet über ihre Erfahrungen im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei der OBA Bamberg in einem Filzprojekt für Menschen mit stärkeren Beeinträchtigungen. Dieses Angebot ist ein Baustein des von der „Aktion Mensch“ geförderten Projektes „Kulturelle Bildung inklusiv“. Ziel dieses Projekts ist, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam phantasievoll mit Kunst und Kultur auseinandersetzen und gemeinsam künstlerische Ausrucksformen entwickeln.

Kulturelle Bildung für Menschen mit Behinderung

„Kultur“ steht für Veranstaltungen, Dinge oder Aktionen, die das Leben bunt und schön machen und die neue Horizonte eröffnen können: z.B. Spiel, Musik, Theater, Kunst. Für Menschen mit starken geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen ist der Zugang zu kulturellen Veranstaltungen besonders schwierig. Daher besuche ich sowohl Kinder als auch Erwachsene an dem Ort, an dem sie tagsüber betreut werden und lasse sie teilhaben an künstlerischen und handwerklichen Prozessen. Dabei versuche ich, die Teilnehmer so viel wie möglich selbst gestalten zu lassen.
Langfristig sollen diese Angebote so organisiert werden, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam daran teilnehmen können.


Wolle in Filz verwandeln

Das Filzen ist eine uralte textile Handwerkskunst. Die Technik ist sehr einfach, da kaum Werkzeuge benötigt werden. Der Werkstoff ist Schafwolle. Wollfasern werden mithilfe von warmem Wasser, Seife und Bewegungen der Hände zu einem festen Stoff verdichtet. Die Hände berühren dabei die Wolle direkt. Der Filzvorgang ist also eine sehr sinnliche Aktion, bei der besonders der Tastsinn stimuliert wird. In diesem Prozess verändert sich die Wolle in kurzer Zeit sehr deutlich: Aus den unverbundenen, luftigen Fasern wird ein kompaktes, festes Material. Auch die Bewegungen der Hände ändern sich im Laufe des Filzvorganges: Sie fangen behutsam an und werden allmählich immer kraftvoller. Es ist beim Filzen unmittelbar spürbar und sichtbar, wie die Veränderungen am Material durch die eigenen Hände und die eigene Kraft bewirkt werden.

 „Textiler Dialog“

„Plopp“ – die angefangene Filzkugel plumpst ins Wasser. Dabei lächelt Christine* ein bisschen in sich hinein und ahmt leise, fast unhörbar, dieses Geräusch nach: „Plopp!“ Das scheint ihr beim Kugeln-Filzen am allerbesten zu gefallen! Immer wieder wirft sie die Kugel in die Schüssel mit Seifenwasser, obwohl ich schon mehrmals gesagt habe, dass sie schon nass und seifig genug ist und jetzt auf der Unterlage gerollt werden soll…- Aber Christine ist eben beharrlich. Sie schnappt sich die Kugel schnell wieder und „Plopp!“ – Jetzt muss auch ich lachen, denn nun ist unser Kugel-Gespräch ein „Wer-ist-schneller?“- Spiel geworden. Am Ende ist ganz nebenbei eine sehr schöne, rosa-rot changierende Filzkugel entstanden. Beim Auffädeln auf eine rote Seidenschnur hilft Christine freudig mit. Und sie sieht  glücklich aus mit ihrer selbst gemachten Filz-Perlen-Kette.

Was zwischen mir und meinem Gegenüber entsteht, ist eine besondere Art von Dialog. Ein Gespräch ohne Worte, mittels der Materialien Wolle, Seife und Wasser. Es ist auch von mir viel Kreativität gefordert, für jede Person einen Weg zu finden, wie sie mit dem Material Wolle konstruktiv  umgehen kann.

Susanna*  wirft zum Beispiel erst einmal alles, was sie in ihre Hände bekommt, auf den Boden. Sie schnappt sich eine Wollflocke nach der anderen, alle landen irgendwo im Raum. Dabei lacht sie schallend. Das scheint ihr großen Spaß zu machen. Aber nach einer Weile finde ich es nicht mehr so lustig. Wie kann ich Susanna auf dieses Material neugierig machen? So, dass sie die Wolle vielleicht etwas länger in der Hand behält? Sie hatte mir beim ersten Termin deutlich gezeigt, dass sie Wasser und Seifenschaum nicht anfassen mag. Daher zeige ich Susanna, wie Rohwolle gekämmt wird. Und – für mich ganz unerwartet – sie scheint dieses Bürsten der Wolle richtig interessant zu finden! Die Fasern werden dabei in die Länge gezogen und schweben einen Moment in der Luft. Da greift Susanna ganz gezielt mit zwei Fingern ein Faserbüschel und legt es wieder auf die andere Bürste. Sie arbeitet auf einmal richtig konstruktiv mit und ist dabei hochkonzentriert, ganz still in diese Tätigkeit vertieft.

Therapie versus Kunst

Dieser spielerische Austausch beim gemeinsamen handwerklichen Tun ist auch für mich sehr inspirierend. Ich lerne „meine“ Materialien, „meine“ handwerklichen Vorgänge, auf einmal mit anderen Augen zu sehen und dadurch neu zu verstehen. Daher betrachte ich diese Filz-Aktionen durchaus als interaktive künstlerische Prozesse. Und es erscheint mir wichtig und sehr wertvoll, Menschen mit schweren Behinderungen daran teilhaben zu lassen, weil sie die besondere Freiheit, die einen solchen kreativen Akt auszeichnet, offenbar durchaus wahrnehmen und zu schätzen wissen.

Die Tätigkeit des Filzens kann sich positiv auf Feinmotorik und Konzentration auswirken, außerdem wird dabei das Gefühl von Selbstwirksamkeit gefördert. Doch bei meinen Angeboten stehen solche therapeutischen Aspekte nicht im Vordergrund. Ich möchte den teilnehmenden Kindern und Erwachsenen vor allem beglückende Erfahrungen mit der Filzkunst ermöglichen.

* Namen von der Autorin geändert